23.10.2021, 20:27
IT COMES AND GOES IN WAVES
it always runs back but it's never quite the same
Hier, zwischen all den Menschen, fiel sie nicht auf. Zwischen halbstarken Kindern, Frauen und Männern, im Schatten der Häuser, die zu dieser Stunde auf dem Platz lagen, war sie nicht von den einfachen Bürgern Novigrads zu unterscheiden. Sie war nicht die Einzige, die mit starrer Miene zum Galgen hinaufblickte, an dem schon bald ein junger Mann von kaum mehr als zwanzig Jahren hoffnungslos hängen würde. Saskia hatte zwischen all den johlenden Stimmen, Zwischenrufen und allgemeinen Wortwechseln nicht verstanden, wofür man ihn hängen würde. Doch die Menge hatte dem Richter, einem hageren Mann mittleren Alters, gebührenden Beifall gezollt, als er das Urteil verkündet hatte. Es gab zu viele Taten, die in Novigrad mit öffentlichen Hinrichtungen getadelt wurden, als dass Saskia auch nur eine vage Vermutung hatte anstellen können. Auf einen kurzen Blick des Verurteilten zum Himmel hinauf, hätte man sich einbilden können, einen Blick auf spitze Ohren unter braunem Haar erhascht zu haben. Sie senkte den Blick, presste kurz die Kiefer aufeinander und trat vorsichtig einen Schritt zurück, um zwei jungen Mädchen Platz zu machen, die sich durch die Reihen der Schaulustigen drängten, um besser sehen zu können und näher an den Scheiterhaufen zu kommen, der nur wenige Meter vom Galgen aufgestapelt worden war und auf die nächste Urteilsverkündung wartete.
Es war nicht die Sensationsgier gewesen, die Saskia hergebracht hatte. Sie hatte sich bemüht, genau solchen Großereignissen in den zwei Wochen, die sie bisher in Novigrad verweilte, aus dem Weg zu gehen, große Plätze gemieden und sich auch von Gesprächen, die von Scheiterhaufen und Henkerwerk handelten, ferngehalten. Kein leichtes Unterfangen, denn selbst im Rosmarin und Thymian sprach man zu später Stunde mit zuverlässiger Regelmäßigkeit über die Schande, die sich vor der Tür der hellen Stube abspielte – auch wenn man sich redlich bemühte, dort einen sicheren und vor allem sorgenfreien Hafen für jene zu schaffen, die wenig Freude an brennenden Frauen, hängenden Männern und geköpften Elfen fanden. Es waren auch nicht die Namen der Angeklagten gewesen, die auf einem abgegriffenen, dreckigen Zettel gestanden hatten, den Zoltan ihr vor zwei Tagen gezeigt hatte. Es war wieder einer der Träume gewesen, aus denen sie mit rasendem Herzen und schmerzenden Schläfen aufwachte. Einer der Träume, gemalt aus so präzisen und real scheinenden Bildern und Eindrücken, die zwangen, sie eben nicht als einfache Hirngespinste abzutun. Mal war es eine Feder, die ihr schmerzlich bewusst machte, dass es sich bei ihnen um ein Spiel von Philippa handelte. Mal ein Duft, der an sie erinnerte. Wie auch immer sie es tat – sie tat es verflucht gut.
Fünf dieser Träume hatte sie seit ihrer Ankunft in Novigrad ignoriert. An diesem Morgen hatte sie das erste Mal den Mut fassen können, dem vermeintlichen Hinweis tatsächlich zu folgen. Noch immer war sie sich nicht sicher, worauf sie hoffte: Philippa endlich gegenüber zu stehen. Oder einfach in ihrer Naivität von ihr in die Irre gelockt worden zu sein. Sie hatte keinen Plan für den ersten Fall, weil es so wahnsinnig unwahrscheinlich sein würde, die verfolgte Zauberin an einem Ort wie diesem zu finden. Aber vielleicht würde es einen anderen Hinweis geben. Ein subtiles Zeichen. Vielleicht hatte Philippa sie auch nur hergelockt, um sie zu warnen. Ihr zu zeigen, was sie vielleicht irgendwie hätte verhindern können, wäre sie Philippa nur ein wenig treuer gefolgt.
Das Geräusch des Strickes, der sich unter der Last eines Körpers klagend spannte, riss Saskia aus ihren Gedanken. Sie schluckte schwer beim Anblick des Halbelfen, dessen Glieder sich in einem aussichtslosen Kampf krampfhaft gegen den Erstickungstod wehrte. Sie wusste, dass ein guter Tod am Galgen ein gebrochenes Genick erforderte. Ihm hatte man diese Gnade mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gegönnt. Wieder Beifall aus der Menge. Laute Rufe nach Gerechtigkeit. Es fühlte sich falsch an, zwischen ihnen zu stehen, den dummen Schafen, die ihrem Hirten hinterher blökten. Doch selbst Saskia, so jung sie war und die sich von Übereifer nicht freisprechen konnte, war sich ihrer unwichtigen Position im großen Ganzen mittlerweile bewusst geworden. Und auch wenn der Anblick des Gehängten schmerzte, wandte sie sich tatenlos, fast schon gleichgültig ab. Sollte Philippa die anstehende Verbrennung für ein Zeichen nutzen wollen, würde Saskia davon kein Zeuge werden. Sie brauchte keinen Scheiterhaufen, um sich von den vom frischen Abendhauch kalten Hände zu wärmen. Über die Schulter warf sie noch einen Blick auf die Menge, in die langsam Bewegung kam. Nicht alle der Anwesenden würden sich am großen Feuer wärmen wollen und so schloss sie sich dem langsam entstehenden Strom der Menschen zur Stadtmitte an, wartete geduldig mit gesenktem Blick auf eine Lücke in den Reihen und nestelte nachdenklich an den feinen Metallknöpfen der leichten, roten Jacke, die Rittersporn ihr aufgedrückt hatte – um besser ins Stadtbild zu passen. Im ersten Moment hatte sie sogar Gefallen an den goldenen Verzierungen an Kragen und Knopfleiste gefunden, mittlerweile fühlte sie sich schrecklich verkleidet und in ihrer so wertgeschätzten Bewegungsfreiheit beraubt – woran jedoch auch die dichte Menge, durch die sie sich nun langsam schob, wahrscheinlich einen großen Anteil hatte. Es dauerte drei, vier langsame Schritte voran, ehe sie die zwei Knöpfe am Kragen geöffnet hatte und erleichtert nach Luft rang. Die Bewegung kam ins Stocken, ein paar laute Rufe wenige Meter vor ihr ließen auf eine kleine Handgreiflichkeit schließen. Saskia widerstand dem kurzen Drang, doch noch einmal einen Blick zurück zu riskieren und heftete stattdessen ihr Augenmerk stur in den Nacken der Frau, die vor ihr ging und nun ebenfalls lautstark ihren Unmut über die Verzögerung äußerte. Der Tumult schien sich auszubreiten und nur wenige Momente später schob eine schwere Hand Saskia grob aus dem Weg, unter lautem Protest der Umstehenden, denen sie unweigerlich näherkam, als sie wollte. Eine Hand voll Wachen der Kirche schoben sich nun an ihr vorbei, während sie nach der nächstbesten Schulter griff, um nicht gänzlich den Boden unter den Füßen zu verlieren. Mit einem entschuldigenden Lächeln blickte sie zu dem alten Mann hinauf, der sie unterstützend am Arm gehalten hatte, bedankte sich mit einem matten aber freundlichen Lächeln. Zu viele Menschen hatten die Spur der Wachen genutzt, um sich weiter vor zu drängeln, als dass Saskia einen weiteren Versuch startete, den Platz auf diesem Weg zu verlassen. Kurzerhand wandte sie sich nach rechts, drückte sich mit leisen Entschuldigungen und beschwichtigenden Gesten an den noch verbleibenden Leuten vorbei und hielt auf eine kleine Gasse zu, die ihr zwar einen Umweg aber offenbar freie Wege bescheren würde. Doch sie kam nicht weit.
Das Profil des Mannes für einen Bruchteil eines Augenblickes im Vorbeigehen zu registrieren hatte ausgereicht, dass sich Saskias Arm noch im Vorbeigehen, eigentlich schon einen Schritt an ihm vorbei, nach ihm ausstreckte. Noch während sie ihm den Rücken zuwandte, die Bewegung gen Gasse stoppte, legte sich ihre Linke um sein Handgelenk und der Schwung, der unweigerlich entstand, als sie sich zu ihm drehte, zwang ihn wohl oder über dazu, ihr einen halben Schritt entgegen zu kommen. „Was machst du hier?“ Sowohl aus ihren Augen als auch ihren fast geflüsterten Worten sprach eine deutliche Fassungslosigkeit. Doch bereits im nächsten Augenblick breitete sich der Ausdruck schmerzlicher, stechender Erkenntnis aus, die sich ebenfalls im noch festeren Griff um das Handgelenk äußerte. Ein unerbittliches Heben ihres Armes vor die eigene Körpermitte zwang Drazan auch die letzte Distanz zwischen ihnen zu überwinden. „Hat sie dich geschickt?“ Ihre Stimme bebte, brüchig unter einer Mischung aus plötzlicher, purer Angst und einer leisen Hoffnung, dass ihre Vermutung, die sie bereits vor dem ersten richtigen Blickkontakt mit ihm gefällt hatte, falsch war. Er kannte sie mittlerweile wahrscheinlich gut genug, um die Hitze, die sich von ihren Fingern aus auf seiner Haut ausbreitete, nicht zu ignorieren. Noch immer lockerte sich der Griff nicht – auch wenn es nun weniger aus Angst war, dass er ihr entkommen würde, sondern um sich selbst festzuhalten, dem Gefühl, den nachgebenden Knien folgen zu müssen, entgegen zu wirken. Ihn hier zu treffen, an diesem Abend, war unter keinen Umständen ein glücklicher Zufall. „Du dürftest gar nicht hier sein.“ Ihre Worte waren leise, vielleicht zu leise, dass er sie überhaupt hören konnte und zwischen allen bitteren Gefühlen, die sich flau in ihrer Magengegend niederschlugen, schwang sogar so etwas wie Sorge in ihrem Blick, der sich nun vergewisserte, dass sie sich nicht täuschte und es tatsächlich Drazan Ehrendorn war, den sie an sich gezogen hatte und der sich bei allen alten Göttern überall aufhalten sollte – aber nicht Mitten in Novigrad.
it always runs back but it's never quite the same
Hier, zwischen all den Menschen, fiel sie nicht auf. Zwischen halbstarken Kindern, Frauen und Männern, im Schatten der Häuser, die zu dieser Stunde auf dem Platz lagen, war sie nicht von den einfachen Bürgern Novigrads zu unterscheiden. Sie war nicht die Einzige, die mit starrer Miene zum Galgen hinaufblickte, an dem schon bald ein junger Mann von kaum mehr als zwanzig Jahren hoffnungslos hängen würde. Saskia hatte zwischen all den johlenden Stimmen, Zwischenrufen und allgemeinen Wortwechseln nicht verstanden, wofür man ihn hängen würde. Doch die Menge hatte dem Richter, einem hageren Mann mittleren Alters, gebührenden Beifall gezollt, als er das Urteil verkündet hatte. Es gab zu viele Taten, die in Novigrad mit öffentlichen Hinrichtungen getadelt wurden, als dass Saskia auch nur eine vage Vermutung hatte anstellen können. Auf einen kurzen Blick des Verurteilten zum Himmel hinauf, hätte man sich einbilden können, einen Blick auf spitze Ohren unter braunem Haar erhascht zu haben. Sie senkte den Blick, presste kurz die Kiefer aufeinander und trat vorsichtig einen Schritt zurück, um zwei jungen Mädchen Platz zu machen, die sich durch die Reihen der Schaulustigen drängten, um besser sehen zu können und näher an den Scheiterhaufen zu kommen, der nur wenige Meter vom Galgen aufgestapelt worden war und auf die nächste Urteilsverkündung wartete.
Es war nicht die Sensationsgier gewesen, die Saskia hergebracht hatte. Sie hatte sich bemüht, genau solchen Großereignissen in den zwei Wochen, die sie bisher in Novigrad verweilte, aus dem Weg zu gehen, große Plätze gemieden und sich auch von Gesprächen, die von Scheiterhaufen und Henkerwerk handelten, ferngehalten. Kein leichtes Unterfangen, denn selbst im Rosmarin und Thymian sprach man zu später Stunde mit zuverlässiger Regelmäßigkeit über die Schande, die sich vor der Tür der hellen Stube abspielte – auch wenn man sich redlich bemühte, dort einen sicheren und vor allem sorgenfreien Hafen für jene zu schaffen, die wenig Freude an brennenden Frauen, hängenden Männern und geköpften Elfen fanden. Es waren auch nicht die Namen der Angeklagten gewesen, die auf einem abgegriffenen, dreckigen Zettel gestanden hatten, den Zoltan ihr vor zwei Tagen gezeigt hatte. Es war wieder einer der Träume gewesen, aus denen sie mit rasendem Herzen und schmerzenden Schläfen aufwachte. Einer der Träume, gemalt aus so präzisen und real scheinenden Bildern und Eindrücken, die zwangen, sie eben nicht als einfache Hirngespinste abzutun. Mal war es eine Feder, die ihr schmerzlich bewusst machte, dass es sich bei ihnen um ein Spiel von Philippa handelte. Mal ein Duft, der an sie erinnerte. Wie auch immer sie es tat – sie tat es verflucht gut.
Fünf dieser Träume hatte sie seit ihrer Ankunft in Novigrad ignoriert. An diesem Morgen hatte sie das erste Mal den Mut fassen können, dem vermeintlichen Hinweis tatsächlich zu folgen. Noch immer war sie sich nicht sicher, worauf sie hoffte: Philippa endlich gegenüber zu stehen. Oder einfach in ihrer Naivität von ihr in die Irre gelockt worden zu sein. Sie hatte keinen Plan für den ersten Fall, weil es so wahnsinnig unwahrscheinlich sein würde, die verfolgte Zauberin an einem Ort wie diesem zu finden. Aber vielleicht würde es einen anderen Hinweis geben. Ein subtiles Zeichen. Vielleicht hatte Philippa sie auch nur hergelockt, um sie zu warnen. Ihr zu zeigen, was sie vielleicht irgendwie hätte verhindern können, wäre sie Philippa nur ein wenig treuer gefolgt.
Das Geräusch des Strickes, der sich unter der Last eines Körpers klagend spannte, riss Saskia aus ihren Gedanken. Sie schluckte schwer beim Anblick des Halbelfen, dessen Glieder sich in einem aussichtslosen Kampf krampfhaft gegen den Erstickungstod wehrte. Sie wusste, dass ein guter Tod am Galgen ein gebrochenes Genick erforderte. Ihm hatte man diese Gnade mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gegönnt. Wieder Beifall aus der Menge. Laute Rufe nach Gerechtigkeit. Es fühlte sich falsch an, zwischen ihnen zu stehen, den dummen Schafen, die ihrem Hirten hinterher blökten. Doch selbst Saskia, so jung sie war und die sich von Übereifer nicht freisprechen konnte, war sich ihrer unwichtigen Position im großen Ganzen mittlerweile bewusst geworden. Und auch wenn der Anblick des Gehängten schmerzte, wandte sie sich tatenlos, fast schon gleichgültig ab. Sollte Philippa die anstehende Verbrennung für ein Zeichen nutzen wollen, würde Saskia davon kein Zeuge werden. Sie brauchte keinen Scheiterhaufen, um sich von den vom frischen Abendhauch kalten Hände zu wärmen. Über die Schulter warf sie noch einen Blick auf die Menge, in die langsam Bewegung kam. Nicht alle der Anwesenden würden sich am großen Feuer wärmen wollen und so schloss sie sich dem langsam entstehenden Strom der Menschen zur Stadtmitte an, wartete geduldig mit gesenktem Blick auf eine Lücke in den Reihen und nestelte nachdenklich an den feinen Metallknöpfen der leichten, roten Jacke, die Rittersporn ihr aufgedrückt hatte – um besser ins Stadtbild zu passen. Im ersten Moment hatte sie sogar Gefallen an den goldenen Verzierungen an Kragen und Knopfleiste gefunden, mittlerweile fühlte sie sich schrecklich verkleidet und in ihrer so wertgeschätzten Bewegungsfreiheit beraubt – woran jedoch auch die dichte Menge, durch die sie sich nun langsam schob, wahrscheinlich einen großen Anteil hatte. Es dauerte drei, vier langsame Schritte voran, ehe sie die zwei Knöpfe am Kragen geöffnet hatte und erleichtert nach Luft rang. Die Bewegung kam ins Stocken, ein paar laute Rufe wenige Meter vor ihr ließen auf eine kleine Handgreiflichkeit schließen. Saskia widerstand dem kurzen Drang, doch noch einmal einen Blick zurück zu riskieren und heftete stattdessen ihr Augenmerk stur in den Nacken der Frau, die vor ihr ging und nun ebenfalls lautstark ihren Unmut über die Verzögerung äußerte. Der Tumult schien sich auszubreiten und nur wenige Momente später schob eine schwere Hand Saskia grob aus dem Weg, unter lautem Protest der Umstehenden, denen sie unweigerlich näherkam, als sie wollte. Eine Hand voll Wachen der Kirche schoben sich nun an ihr vorbei, während sie nach der nächstbesten Schulter griff, um nicht gänzlich den Boden unter den Füßen zu verlieren. Mit einem entschuldigenden Lächeln blickte sie zu dem alten Mann hinauf, der sie unterstützend am Arm gehalten hatte, bedankte sich mit einem matten aber freundlichen Lächeln. Zu viele Menschen hatten die Spur der Wachen genutzt, um sich weiter vor zu drängeln, als dass Saskia einen weiteren Versuch startete, den Platz auf diesem Weg zu verlassen. Kurzerhand wandte sie sich nach rechts, drückte sich mit leisen Entschuldigungen und beschwichtigenden Gesten an den noch verbleibenden Leuten vorbei und hielt auf eine kleine Gasse zu, die ihr zwar einen Umweg aber offenbar freie Wege bescheren würde. Doch sie kam nicht weit.
Das Profil des Mannes für einen Bruchteil eines Augenblickes im Vorbeigehen zu registrieren hatte ausgereicht, dass sich Saskias Arm noch im Vorbeigehen, eigentlich schon einen Schritt an ihm vorbei, nach ihm ausstreckte. Noch während sie ihm den Rücken zuwandte, die Bewegung gen Gasse stoppte, legte sich ihre Linke um sein Handgelenk und der Schwung, der unweigerlich entstand, als sie sich zu ihm drehte, zwang ihn wohl oder über dazu, ihr einen halben Schritt entgegen zu kommen. „Was machst du hier?“ Sowohl aus ihren Augen als auch ihren fast geflüsterten Worten sprach eine deutliche Fassungslosigkeit. Doch bereits im nächsten Augenblick breitete sich der Ausdruck schmerzlicher, stechender Erkenntnis aus, die sich ebenfalls im noch festeren Griff um das Handgelenk äußerte. Ein unerbittliches Heben ihres Armes vor die eigene Körpermitte zwang Drazan auch die letzte Distanz zwischen ihnen zu überwinden. „Hat sie dich geschickt?“ Ihre Stimme bebte, brüchig unter einer Mischung aus plötzlicher, purer Angst und einer leisen Hoffnung, dass ihre Vermutung, die sie bereits vor dem ersten richtigen Blickkontakt mit ihm gefällt hatte, falsch war. Er kannte sie mittlerweile wahrscheinlich gut genug, um die Hitze, die sich von ihren Fingern aus auf seiner Haut ausbreitete, nicht zu ignorieren. Noch immer lockerte sich der Griff nicht – auch wenn es nun weniger aus Angst war, dass er ihr entkommen würde, sondern um sich selbst festzuhalten, dem Gefühl, den nachgebenden Knien folgen zu müssen, entgegen zu wirken. Ihn hier zu treffen, an diesem Abend, war unter keinen Umständen ein glücklicher Zufall. „Du dürftest gar nicht hier sein.“ Ihre Worte waren leise, vielleicht zu leise, dass er sie überhaupt hören konnte und zwischen allen bitteren Gefühlen, die sich flau in ihrer Magengegend niederschlugen, schwang sogar so etwas wie Sorge in ihrem Blick, der sich nun vergewisserte, dass sie sich nicht täuschte und es tatsächlich Drazan Ehrendorn war, den sie an sich gezogen hatte und der sich bei allen alten Göttern überall aufhalten sollte – aber nicht Mitten in Novigrad.


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